Mittelalterliche Geschichte
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PD Dr. Romedio Schmitz-Esser

Habilitationsprojekt: Die Geschichte des Leichnams im Mittelalter

Zahlreich sind die Studien über den Tod und das Sterben im Mittelalter, und ausgezeichnet sind wir über die Inszenierung von Gräbern informiert, die seit mehreren Jahren im Rahmen der Memoria-Forschung interdisziplinär aufgearbeitet werden. Umso erstaunlicher ist die weitgehende Absenz von Forschungen zur Bedeutung des Leichnams selbst im Rahmen der mittelalterlichen Lebenswelt. Wie ging man im Mittelalter mit den sterblichen Überresten um? Und welche Bedeutung, welche Kräfte schrieb man ihnen zu? Das Habilitationsprojekt nähert sich von unterschiedlichen Seiten einer Antwort auf diese Fragen. So wird die Entstehung und allmähliche Definition eines christlichen Begräbnisses und des umfriedeten, geweihten Friedhofs als sakralem Bereich im Früh- und Hochmittelalter ebenso diskutiert wie die Frage nach der kulturellen Praxis der Erhaltung (Einbalsamierung) und Zerstörung (Leichenschändung, Leichenvernichtung) von Leichnamen. Dabei sollen in interdisziplinärer Perspektive neben dem Befund aus den mittelalterlichen Schriftquellen und der Sichtung der Darstellungen des Leichnams in der Kunstgeschichte vor allem auch die Ergebnisse der modernen Anthropologie (Paläopathologie, Osteoarchäologie) einfließen. Daneben treten bei einer Untersuchung der diffusen Angst vor der Rückkehr des Leichnams ethnologische und psychologische Fragestellung in das Blickfeld der Untersuchung, die somit auch eine Spur bei der Suche nach anthropologischen Konstanten im Umgang mit den Toten verfolgt. Dabei wird etwa die besondere Bedeutung des Gesichts bei der Identifizierung und Personalisierung von Leichen beleuchtet; ein Phänomen, das ganz offensichtlich zumindest eine „longue durée“ im Sinne Braudels aufweist.

Das Habilitationsprojekt wurde im Sommersemester 2013 erfolgreich abgeschlossen. Die Habilitationsschrift erscheint im Juli 2014 beim Thorbecke Verlag unter dem Titel: Der Leichnam im Mittelalter. Einbalsamierung, Verbrennung und die kulturelle Konstruktion des toten Körpers (Mittelalter-Forschungen 48), Ostfildern 2014, ISBN 978-3-7995-4367-5.

Das Forschungsvorhaben wurde in einem einstündigen Interview für die „Stimmen der Kulturwissenschaften“, einem Projekt der Universität Wien, vorgestellt und ist dort als Podcast SdK8 online verfügbar.

Über den Umgang mit dem Leichnam berichtet auch eine Folge der Sendung „Theo.Logik“ des BR2 vom 4.11.2013 unter dem Titel „Mit dem Gevatter noch per Du? Vom Wandel der Bestattungs- und Trauerkultur“, die ebenfalls ein Interview über die Ergebnisse des Forschungsvorhabens beinhaltet; auch diese Sendung ist als Podcast im Internet abrufbar.