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Markus Krumm M. A.

Dissertationsvorhaben: Die Gegenwart der Vergangenheit. Die lateinische Historiographie Unteritaliens in der Zeit König Rogers II.

Das Bild, das sich Menschen von der Vergangenheit machen, ist immer von einem gegenwärtigen Standpunkt aus konstruiert; stets wird Geschichte mit den Fragen, den Vorstellungen und Denkformen der jeweils eigenen Zeit gedeutet. Dies gilt für die moderne Geschichtswissenschaft genauso wie für die Geschichtsschreibung im Mittelalter. Denn jedes Wissen des Menschen über Wirklichkeit, auch vergangene, ist letztlich sozial vermittelt und unterliegt daher Wandlungen.
Die Gegenwartsgebundenheit jeder Geschichtsbetrachtung ist eine der Grundannahmen, die dem Dissertationsvorhaben über die lateinische Historiographie Unteritaliens in der Zeit König Rogers II. zugrundeliegt; ebenso – und letztlich daraus resultierend – die Einsicht in die Anders- und Eigenartigkeit aller historischen Phänomene. Gegenstand der Untersuchung sind drei Geschichtswerke: die „Ystoria“ des Abtes Alexander von Telese, das „Chronicon“ des Falco von Benevent und die Fortsetzung der Klosterchronik von Montecassino durch Petrus Diaconus. Alle drei Werke entstanden unabhängig voneinander zwischen 1135 und 1145 vor dem Hintergrund langjähriger Konflikte: Zwischen Anhängern und Gegnern Rogers II., der am Weihnachtstag des Jahres 1130 zum König erhoben worden war, herrschte ebenso Krieg, wie zwischen den Anhängern der beiden Päpste Innozenz II. und Anaklet II., die seit der Doppelwahl im Frühjahr 1130 die Rechtmäßigkeit ihres Pontifikats durchzusetzen versuchten.
Die genannten Werke wurden in der Forschung bislang vor allem zur Rekonstruktion der süditalienischen Geschichte im frühen 12. Jahrhundert herangezogen. Nicht zuletzt diesem Erkenntnisinteresse und einer historiographischen Tradition, in deren Sicht Geschichte auf das Handeln von Königen und Kollektivsubjekten reduziert und zentriert wird, verdanken sich die nach wie vor gültigen Interpretationen der drei Werke und die Einordnung ihrer Verfasser. So gilt Alexander von Telese als Vertreter einer hofnahen Geschichtsschreibung und eilfertiger Legitimationsgeber der jungen Monarchie; Falco von Benevent als durchaus objektiver Zeuge einer alsbald erstickten kommunalen Freiheit der süditalienischen Städte; der Diakon Petrus schließlich als grandioser Fälscher in eigener Sache.
Gegenüber diesen Erklärungen sollen die drei Autoren im Rahmen der Untersuchung als historische Subjekte ernst genommen werden: als Menschen des 12. Jahrhunderts, die ihre Wirklichkeit erzählend deuteten; als Menschen, die nach eigenen Vorstellungen handelten und deren Geschichtserzählungen ihren je eigenen „Sitz im Leben“ hatten.

 

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